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Computergenerierte Restaurant-Kritiken und was sie für die Gastronomie bedeuten

In den USA wurde ein Programm entwickelt, das Restaurant-Kritiken erstellen kann, die sich nicht von echten unterscheiden lassen. Internetanbieter wie Yelp geben sich noch selbstbewusst – doch das Problem könnte größer sein, als sie glauben.

Bewertungen lassen sich kaufen. Das war schon immer so. Kritische Konsumenten wissen heute, dass die Bewertungen, die sie beim Onlineshopping sehen, wahrscheinlich nicht alle echt sind. Trotzdem ist es etwas anderes, ob Menschen dafür bezahlt werden, oder ob Künstliche Intelligenzen Computergenerierte Restaurantkritiken schreiben. Denn die müssen niemals schlafen. Man kann nicht mit ihnen diskutieren, oder sie bestechen. Sie spüren weder Mitleid, noch Bedauern. Sie machen einfach immer weiter.

Wissenschaftler der University of Chicago haben ein Künstliche Intelligenz entwickelt, die aus Yelp-Bewertungen neue kreiert hat. Und Testleser haben bereits zugegeben: Nicht nur erkennen sie kaum den Unterschied. Viel schlimmer ist, dass sie die computergenerierten Restaurant-Kritiken für ebenso relevant halten wie die echten.

Im Oktober werden die Forscher ihr Projekt der Öffentlichkeit bei der Konferenz für Computer- und Kommunikationssicherheit präsentieren, doch schon jetzt ist klar, was die technische Entwicklung für die Zuverlässigkeit von Bewertungsportalen bedeuten muss. Doch dazu später.

Welche Bewertung ist echt?

Die folgenden drei Bewertungen stammen vom Onlineportal „Business Insider“. Dieses berichtete zuerst über die Entwicklung computergenerierter Restaurantkritiken. Probier Du doch mal, ob Du die unechten Bewertungen erkennen kannst:

  1. Original: “I love this place. I have been going here for years and it is a great place to hang out with friends and family. I love the food and service. I have never had a bad experience when I am there.”

Übersetzung: Ich liebe diesen Ort. Ich gehe hier schon seit Jahre hin und der Laden ist großartig, um darin mit Freunden und Familie abzuhängen. Ich liebe Essen und Service. Ich habe hier bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht.

  1. “I had the grilled veggie burger with fries!!!! Ohhhh and taste. Omgggg! Very flavorful! It was so delicious that I didn’t spell it!!”

Übersetzung: Ich hatte den gegrillten Veggieburger mit Pommes!!!! Ohhhh und dieser Geschmack. Junge, Junge! So viel Geschmack! Er war so lecker, dass ich alles auf einmal gegessen habe!!

  1. “My family and I are huge fans of this place. The staff is super nice and the food is great. The chicken is very good and the garlic sauce is perfect. Ice cream topped with fruit is delicious too. Highly recommended!”

Übersetzung: Meine Familie und ich sind große Fans von dem Laden. Die Angestellten sind super nett und das Essen ist großartig. Das Hühnchen ist ziemlich gut und die Knoblauchsauce ist perfekt. Das Eis mit Früchten oben drauf ist auch super lecker. Sehr ans Herz gelegt!

  1. “Easily my favorite Italian restaurant. I love the taster menu, everything is amazing on it. I suggest the carpaccio and the asparagus. Sadly it has become more widely known and becoming difficult to get a reservation for prime times.

Übersetzung: Mit Abstand mein liebstes italienisches Restaurant. Ich liebe das Probier-Menü, alles ist super lecker darauf. Ich empfehle das Carpaccio und den Spargel. Leider ist es mittlerweile ziemlich bekannt geworden und deshalb schwierig, hier zu einer guten Zeit eine Reservierung zu kriegen.“

 

Die Antwort: Nur die letzte Bewertung ist echt. Alle anderen wurden vom Computer geschrieben. Inklusive Rechtschreib- und Ausdrucksfehlern, Slang und Umgangssprache.

Probanden, die herausfinden sollten, welche Restaurantkritiken echt und welche computergeniert waren, gaben hinterher an, dass die computergenerierten Restaurantkritiken „im Prinzip ununterscheidbar“ von echten seien. Dazu sollten sie bewerten, wie nützlich ihnen die jeweiligen Bewertungen vorkamen. Das Ergebnis: Computergenerierte Restaurantkritiken erhielten im Durchschnitt eine 3,15, echte Kritiken eine 3,28. Das ist kein großer Unterschied.

Was heißt das für Bewertungsportale?

Es gibt nun zahlreiche Plattformen im Internet, deren Geschäftsmodell darauf basiert, dass Nutzer Dienstleistungen bewerten. Und dass andere Nutzer diese Bewertungen zu Rate ziehen können, um ihnen bei der Entscheidungsfindung zu helfen. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Nutzer den abgegebenen Bewertungen trauen können. Ob bei Yelp, bei Trip Advisor oder auch bei Google – das ist nicht gegeben, wenn Programme nach Belieben positive oder negative Rezensionen von Restaurants und anderen Dienstleistungen posten können.

Yelp selbst hat bereits Stellung genommen zu der neuen Entwicklung der Chicagoer Wissenschaftler. Dort heißt es, die eigene Plattform verfolge einen Ansatz bei seinen Bewertungen , der tiefer gehe und ganzheitlicher angelegt sei. So sei es unwahrscheinlich, dass das Portal eine Bewertung als „Nützlich“ einstufe, die von einer Künstlichen Intelligenz kreiert wurde.

So richtig überzeugend klingt das allerdings nicht. Denn jeder Algorithmus ist nur so gut wie der Algorithmus des Programms, der den eigenen überlisten will. Wenn es nicht mehr Wissenschaftler sind, sondern kriminelle – oder auch nur kommerzielle – Anbieter, die computergenerierte Restaurantkritiken anwenden möchten, ist es wahrscheinlich, dass auch Yelps „ganzheitlicher“ Ansatz bald überlistet wird.

Was bedeutet das für die Gastronomie?

Was computergenerierte Restaurantkritiken für die Gastronomie bedeuten, muss vorerst offenbleiben. Immerhin ist das Ganze bislang nur ein Forschungsprojekt. Es wird noch einige Zeit vergehen, bevor das Internet von den kleinen, falsch-echten Texten überschwemmt wird. Und langfristig bleiben dann nur zwei Möglichkeiten: Entweder verändert sich die Einstellung gegenüber Online-Rezensionen. Das heißt, dass potentielle Gäste, Nutzer und Kunden den Empfehlungen Fremder weniger vertrauen. Oder die Bewertungsportale müssen massiv aufrüsten – und ein Wettrennen mit denen hinnehmen, die versuchen, die verbesserten Portale zu überlisten.

Was kann die Gastronomie tun?

Eine Möglichkeit wäre, weiterzumachen wie bisher – eigentlich hat man als Gastronom ohnehin keine andere Option. So muss man schlicht mit Qualität überzeugen. Denn Gäste, die wissen, dass ein Restaurant gut ist, werden ihre Meinung auch von computergenerierten Restaurantkritiken nicht ändern lassen.

Außerdem ist es immer eine Option, eine Art Netzwerk zu etablieren, und dieses als Marketinginstrument zu nutzen. Denn während das Vertrauen in anonyme Bewertungen in Zukunft abnehmen dürfte, wird das Vertrauen in persönliche Empfehlungen von Freunden und Bekannten in ähnlichem Maße zunehmen.

So oder so: Die Lösung wird sein, dass Du Deine Gäste überzeugst, indem Du ihnen leckeres Essen vorsetzt, sie freundlich behandelst und zum Wiederkommen motivierst. Und am Ende werden es die Gaststätten sein, die ihre Gäste überzeugen, die lange überleben – auch über neue technische Entwicklungen hinweg.

In Zeiten von computergenerierten Restaurantkritiken gilt also: Qualität ist das Wichtigste, jetzt mehr denn je.